Ich freue mich sehr über diesen Tabubruch von Miriam und über ihren Mut über ihre Fehlgeburt zu sprechen. Hier ist ihr Bericht:

„So, dann wollen wir mal sehen. (Stille). Ja also, der Fötus ist zeitgerecht entwickelt, aber was mir fehlt ist der Herzschlag“ – Die Worte meiner Frauenärztin hallen in meinen Ohren. Ich schaue rüber zu meinem Mann, der wie versteinert auf den Monitor starrt. Die Farbe aus seinem Gesicht ist gewichen und so scheint auch der Raum sich schlagartig verdunkelt zu haben.

Spulen wir mal 12 Wochen zurück. Es ist Sommer. Hitze pur. Sonne. Strand. Meer. Mit den Füßen im warmen Sand genießen wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages und beobachten mit Freude wie Kinder glücklich mit ihren Eltern im Wasser herumtollen.  Jeder von uns beiden ist in seinen eigenen Gedanken versunken. Gedanken darüber, ob wir auch bald eine dieser Eltern sein werden? Jedenfalls beschlossen wir, dass es der letzte Urlaub sein sollte, den wir zu zweit verbringen.

Wieder zu Hause in Deutschland angekommen, vereinbarte ich einen Termin bei einer Gynäkologin, da ich umzugsbedingt schon länger nicht zur Kontrolle war. Ich erzählte ihr von unserem Kinderwusch und auch, dass mein Mann und ich uns rein pflanzlich ernähren. Entgegen meiner Erwartungen lächelte sie begeistert und sagte: „Das ist klasse. Machen Sie sich gar keine Gedanken. Mit Fokus auf die richtigen Nährstoffe, ist einer veganen Schwangerschaft nichts entgegenzusetzten. Ganz im Gegenteil.“  Auch sie ernähre sich ebenfalls pflanzenbasiert. Ich freute mich total über ihren Zuspruch, auch wenn ich an sich keine Bestätigung brauchte. Schon lange bevor der Wunsch aufkam Familie zu gründen, beschäftigte ich mich aus großem Interesse intensiv mit dem Thema “Vegane Ernährung in der Schwangerschaft“ und auch im Verlauf meiner Ausbildung zur veganen Ernährungsberaterin war dies immer ein Thema wofür ich ganz besonders brannte.

Ich las alles was ich an Literatur und Fachbüchern zur veganen Ernährung während der Schwangerschaft in die Finger kriegen konnte. Auch wenn ich mich nicht unter Druck setzte nun alles “perfekt zu machen“, wollte ich doch alles tun, um meinen Körper bestmöglich auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Ich las mich erneut intensiv in die Literatur ein, testete meine Blutwerte, optimierte meine Nährstoffzufuhr und entlastete meine Leber und meinen gesamten Organismus mal wieder ein paar Tage durch Einläufe und frisch gepresste Säfte (in Anlehnung an die Dr. Gerson- Therapie). Ich fühlte mich körperlich und mental wunderbar.

Vier Wochen später stand ich wieder bei meiner Frauenärztin auf der Matte um ihr meinen positiven Schwangerschaftstest unter die Nase zu reiben und um mir bestätigen zu lassen, dass es tatsächlich auf Anhieb klappte. Wow, das ging wirklich schnell!

Die darauffolgenden Wochen schien im wahrsten Sinne des Wortes alles rund zu laufen. Ich wurde sehr herzlich in einer unglaublich tollen Hebammenpraxis aufgenommen und entschied mich die Vorsorgeuntersuchungen dort stattfinden zu lassen und bei Bedarf und zum Ultraschall zu meiner Gynäkologin zu gehen.

Es war bereits Anfang November als ich mal wieder gemütlich in der Praxis meiner Hebamme saß und sie mir zeigte, wie ich meine Gebärmutter  von außen selbst ertasten kann. Sie war begeistert wie schön man bereits sehen konnte, was sich schon getan hat. Wie aufregend!! Glücklich und voller Vorfreude verließ ich die Praxis und fieberte auf den Ultraschall bei meiner Frauenärztin hin.

4 Tage später war es nun endlich soweit, wir würden unser kleines Wunder wieder sehen. Wir ahnten nicht, dass dies ein langer und trauriger Tag werden würde.

Die Worte meiner Frauenärztin rauschten nur so an mir vorbei und tausend Fragen und Gedanken schossen mir durch den Kopf – Was hab ich falsch gemacht? Waren meine Ängste doch zu groß? Die Arbeit zu stressig? Fehlte mir doch irgendetwas? Hatte ich irgendwelche Anzeichen übersehen? Was passiert jetzt? Werde ich jemals Kinder bekommen können? Was ist nur los mit mir?

Meine Frauenärztin versuchte uns mit den Worten zu trösten, dass sie genau diese Situation fast täglich in ihrer Praxis erlebe. Außerdem sei es absolut nicht nötig, sich mit Vorwürfen zu quälen, da es in den allermeisten Fällen durch eine Chromosomenstörung des Embryos zu einer Fehlgeburt komme und man darauf absolut keinen Einfluss habe.

Noch am selben Tag fuhren wir ins Krankenhaus. Durch die fortgeschrittene Schwangerschaft wurde mir eine Ausschabung nahe gelegt, für die ich mich letztendlich entschied.

Der Tag begann mit großer Freude unser Kind zu sehen und endete im Krankenhaus mit einer ausgeräumten Gebärmutter.

Die kommenden Wochen waren schwer, aber auch sehr aufschlussreich. Je mehr ich den Menschen um mich herum davon erzählte, umso mehr wurde mir klar, dass ich nicht allein war mit diesem Erlebnis. So viele Frauen in meinem Bekanntenkreis, ja selbst in meiner Familie, haben solch eine traurige Erfahrung schon einmal selbst erleben müssen. Ich war ganz schön baff. Baff darüber, wie viele es waren und darüber, dass sie nie davon erzählten, obwohl man sich doch sonst auch über sehr intime Dinge austauschte. Ist es denn wirklich solch ein Tabuthema? Warum fällt es uns Frauen nur so schwer darüber zu sprechen? Ist es einfach zu schmerzvoll darüber zu reden? Sind es eventuell Schamgefühle? Ist es der Glaube daran versagt zu haben oder ist es sogar die Angst vor der Reaktion der Anderen?

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass weder meine Familie noch Freunde, Kollegen oder meine Ärztin in irgendeiner Form glaubten, es läge an mir oder gar noch an meiner Ernährungsweise. Ich weiß jedoch, dass es tatsächlich Ärzte gibt, welche eine vollwertige pflanzenbasierte Ernährung als Ursache für eine Fehlgeburt sehen. Hieße das also im Umkehrschluss, dass ich mit meiner Ernährungsweise krasser drauf bin als eine drogenkonsumierende Mutter, welche Kinder zur Welt bringt und keine Fehlgeburt hatte? So hört es sich nämlich an!

Wie ich oben schon ausführlich beschrieben habe, tat ich alles was in meiner Macht stand um unserem Kind die Möglichkeit zu geben sich gut zu entwickeln. Ich wage zu behaupten, dass es durchaus Frauen gibt, die weit weniger bemüht sind was sie während ihrer Schwangerschaft konsumieren. Sei es Nahrung oder Drogen wie Tabak, Alkohol usw.

Bitte nicht falsch verstehen – ich spreche hier nicht von den Gelüsten während der Schwangerschaft vor denen auch ich nicht verschont geblieben bin. Nein, ich spreche von der Tatsache, dass die Gesellschaft ein ziemlich großes Verständnis für Schwangere hat, die sich ununterbrochen mit Junkfood vollstopft, aber im Gegenzug diejenigen verurteilt und sogar als unverantwortlich betitelt, die sich bewusst vollwertig pflanzlich ernähren. Liebe Gesellschaft, ist das tatsächlich euer Ernst?

Ich wünsche mir von diesen Menschen, dass sie sich ernsthaft und evidenzbasiert mit dem Thema der veganen Ernährung während der Schwangerschaft auseinandersetzen, statt irgendwelche Schlagzeilen dubioser Zeitschriften ungefiltert nachzuplappern.

Wer sich gewissenhaft mit der Studienlage zum Thema  “Vegane Ernährung in der Schwangerschaft“ auseinandersetzt, kennt die Fakten und weiß, dass eine gut geplante, vollwertige pflanzliche Ernährung in jeder Lebensphase sicher und gesundheitlich zuträglich ist.

Klar, die vegane Ernährung macht weder unverwundbar noch schützt sie vor solch traurigen Ereignissen, aber sie ist gewiss nicht der Grund DAFÜR. Das sollte klar und deutlich unterschieden werden.

Wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast oder dir Fragen auf dem Herzen liegen, dann schreibe sie doch gerne in die Kommentare und teil sie mit uns. Möchtest du mir persönlich schreiben, dann freue ich mich über Nachricht von dir über meine Webseite.

Alles Liebe

Miriam

Ganz lieben Dank Miriam für diesen sehr berührenden Artikel, deinen Mut offen darüber zu sprechen. Du hast meine Bewunderung für deinen differenzierten Umgang mit dem Thema. Ich bin froh, dass du dir keine Vorwürfe machst. Du hast alles richtig gemacht und die bestmöglichen Voraussetzungen geschaffen. Der Rest ist Schicksal.

 

Alles Liebe

Deine Carmen

Hier kannst du deine Gratis-Checkliste für die gesunde vegane Schwangerschaft laden.

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P.S.: Wenn du meinen Blog, meine Arbeit oder mich als alleinerziehende Mama unterstützen möchtest, dann freue ich mich wirklich sehr über einen Smoothie via www.paypal.me/CarmenHercegfi

4 Kommentare

  1. Liebe Miriam, wir haben auch recht früh unser Baby verloren, dessen Herz leider aufgehört hat zu schlagen. Das zieht einem wirklich den Boden unter den Füßen weg. Ca. 5 Monate nach der Ausschabung war ich wieder schwanger und hatte furchtbare Angst vor einem erneuten Verlust. Im März letzten Jahres kam dann unser Sohn zur Welt, gesund und munter. Ich denke noch an unser Sternchen und es ist immernoch traurig. Aber wir sind unendlich dankbar für unseren Sohn und vielleicht ist alles so passiert, damit er zu uns kommen kann.
    Ich wünsche euch von Herzen alles Gute und viel Kraft in traurigen Momenten.

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    • Liebe Sharon, gerade in diesem Moment lese ich erst deine Zeilen und sie berühren mich sehr. Es tut mir wahnsinnig leid, dass auch ihr so eine traurige Erfahrung machen musstet. Zugleich freut es mich aber sehr, dass bei deiner zweiten Schwangerschaft alles gut gegangen ist und ihr nun euren Sohn bei euch habt – gesund und munter :-) Das gibt mir Mut und Zuversicht, auch wenn die Sorge sicherlich nie ganz verschwinden wird. Ich danke dir von Herzen für deine Nachricht! Alles Liebe, Miriam

      Antworten
  2. Liebe Carmen,

    1000 Dank für deinen Bericht!!!! Es entspricht genau das, was ich erlebt habe zum totgeschwiegenen Thema „Fehlgeburt“. Die, die selbst eine erlebt haben, hatten mit mir Mitleid. Die, die eine super Schwangerschaft erleben durften, haben mir „Vorwürfe“ gemacht.

    In der Schwangerschaft mit der Fehlgeburt habe ich noch normal Fleisch und Milchprodukte gegessen, mich jedoch nach der FG wegen des Kinderwunsches für die vegane Ernährung entschieden.

    Jetzt bin ich in der 6. Ssw und habe so arg Angst vor einer erneuten FG.

    Ich selbst bin der Überzeugung, auch wenn die FA was anderes sagen könnte, dass für mich und das ungeborene Baby die vegane Ernährung die richtigere Ernährung ist.

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    • Hallo liebe Katja,
      ganz lieben Dank für deinen Kommentar. Es ist zwar nicht mir geschehen (ist ein Gastartikel), aber das ist schon ganz schön schlimm, wenn man dafür verantwortlich gemacht wird. Es wird Zeit dass mehr aufgeklärt wird. Wenn eine Mischköstlerin eine Fehlgeburt hat, kommt ja auch keiner auf die Idee ihr die Schuld zuzuweisen. Ich drücke dir ganz doll die Daumen, dass dieses Mal alles gut geht. Es ist ja leider häufig so, dass es nicht beim ersten Mal klappt. Ich kann mir vorstellen wie groß deine Ängste sind – insbesondere wenn du das schon einmal erlebt hat. Jede Schwangere wird von der Angst begleitet, dass dem Kind etwas geschieht. Das setzt sich nach der Geburt fort und hört eigentlich niemals auf. Ich denke es ist unsere Aufgabe zu lernen damit zu leben und damit auch umzugehen, damit wir von unserer Angst nicht so beherrscht werden. Aber es ist ein Prozess…. Alles Gute dir. Das wird schon klappen dieses Mal :)…. Wünsche dir eine wundervolle Kugelzeit.

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