Alles versucht und jetzt bei „bindungsorientiert“ hängen geblieben…

Als mein Ältester 2004 geboren wurde, war ich viel in Internetforen unterwegs – aber über Wörter wie Attachment Parenting, unerzogen, bindungsorientiert, beziehungsorientiert und die Konzepte dahinter bin ich damals (im Gegensatz zu heute) nie gefallen… Ich hab also das gemacht, was ich in meiner Kindheit selbst erfahren hatte, was von mir als Mutter in der Gesellschaft erwartet oder eben von dieser empfohlen, wurde und ich hab mich immer selbst mit „Es hat mir ja nicht geschadet“ beruhigt.

Aber irgendwie hat es nicht so richtig geklappt… Ich hatte ständig Grabenkämpfe auszufechten. Egal ob es ums Schlafen (wann wo wie einschlafen und wo und wie weiterschlafen) ging oder ums Essen, ums Anziehen… Schon die Empfehlung, dass das Kind bitte sicherheitshalber ab der Geburt im eigenen Bettchen im Zimmer der Eltern schlafen soll, spiegelte nicht die Meinung meines Sohnes wider… Dies führte zum ersten großen Stress…

Wir haben dann auf Anraten einer Freundin auch mal das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ angeschafft und das Programm klang ja total logisch. Also wurde das ausprobiert. Mein Sohn reagierte relativ schnell mit Fieber – also Programm abbrechen. Und ganz ehrlich: Ich hab es auch nicht mehr aufgenommen. Was bis heute geblieben ist, ist die Reaktion mit Krankheit, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich verfluche dieses Buch und auch ein wenig mich – dafür dass ich es überhaupt versucht habe. Natürlich im besten Wissen und Gewissen, denn die Autoren betonten ja immer wieder, dass es für das Kind absolut unproblematisch ist, weil man als Eltern ja sicherstelle, dass das Kind wisse die Eltern seien immer da… Weit gefehlt… Ich musste selbst erst einmal auf die Nase fallen…und mein Sohn gleich mit.

Beim zweiten Mal wird alles anders

Als ich 2014 mit meinem zweiten Sohn schwanger war, wusste ich total schnell und instinktiv, dass ich mich ab jetzt mehr auf mein Bauchgefühl verlasse. Es war sofort klar, dass der Kleine bei mir ins Bett kommt… und auch, dass ich mehr tragen möchte – mit richtigen Tragetüchern, nicht mit so einem Babybjörn, der die Wirbelsäule kaputt macht. Einen Kinderwagen hatte ich dann aber doch parallel. Der war ganz praktisch für Einkäufe und die Oma. Im weiteren Verlauf aber auch für mich. Ich hab gefühlt wirklich alles anders gemacht, habe viel weniger Geld ausgegeben, quasi fast alles gebraucht angeschafft (Stichwort Nachhaltigkeit und Giftstoffe), Familienbett, Tragen, Langzeitstillen (2,5 Jahre statt 7 Monate) Baby Led Weaning statt Gläschenkost… Naja und das ganze auch noch vegan (nur so nebenbei).

Auch mein Jüngster ist nachts oft aufgewacht, aber er weinte viel weniger, lag oft nur da und hat einfach „erzählt“… Er schlief schnell wieder ein, war zufrieden und irgendwie auch viel entspannter. Er wusste ja „Mama ist immer da…“ Und das ist bis heute so geblieben. Er ist jetzt 3 Jahre alt und schläft die meiste Zeit über bei mir im Bett. Abends geht er oft in sein eigenes Bett. Manchmal schläft er bis 3 oder 4 Uhr morgens durch und kommt dann zu mir, manchmal will er aber auch gleich von Anfang an „ins grosse Bett“… Er darf – natürlich darf er… Es ist so viel einfacher, wenn er nachts mal aufwacht. Ich fasse nur kurz rüber und streichle ihn. Meistens reicht das schon, wenn er im Schlaf von einem Löwen verfolgt wurde. Und dabe ist es nicht nur für ihn einfacher, sondern auch für mich viel viel stressfreier.

Weniger Stress – das ist einer der Hauptpunkte

Insbesondere für mich als Alleinerziehende, aber auch für jede andere Mutter, ist Stress absolut tödlich. Der Stress raubt dir die Energie und zieht die Laune in den Keller, wirkt sich auf den Umgang mit Kindern und ggf. Partner aus. Nicola Schmidt und Julia Dibbern haben darüber sehr eindrucksvoll in ihrem Buch „Slow Family – Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ geschrieben, dass sich in der Tat der Zustand der Mutter auf das Wohlbefinden der ganzen Familie auswirkt. Und die Mutter ist nun einmal diejenige, die sich die meiste Zeit um die Kinder kümmert. Ein bindungsorientierter Umgang ist meiner Erfahrung nach die gesündeste Basis zur Stressvermeidung… Im Buch von Nicola und Julia werden aber ganz viele einfache Strategien vorgestellt, um sich das Leben noch leichter zu machen. Das Buch bekommt von mir eine mega Leseempfehlung. Ich hatte zwar kurzzeitig ein echt schlechtes Gewissen, aber keiner spricht hier mit dem erhobenen Zeigefinger. Wir sind alle nur Menschen und tun immer unser Bestes. So der Tenor. Mir gefällt es wirklich richtig gut.

Langzeitfolgen von Stress und klassischer „ER“ziehung

Wie ich eingangs erwähnte, war ja meiner Ansicht nach die Erziehung meiner Eltern mir gegenüber nicht „schädlich“. Nun heutzutage sehe ich das anders, denn ich quäle mich noch häufig mit den Folgen der teilweise fehlenden Bindung.

Die Bindungstheorie

Vielleicht hast du schon einmal etwas von der Bindungstheorie von Mary Ainsworth gehört?! Sie hatte in den 70er Jahren Untersuchungen mit Säuglingen in Trennungssituationen von der Mutter gemacht. Von dem Verhalten der Kinder ließen sich Rückschlüsse auf die Bindung zur Mutter machen.

Sicher gebundene Kinder

weinen und trauern beispielsweise bei Trennung, freuen sich aber sehr bei der Rückkehr… Kinder sind sicher gebunden, wenn ihre Bedürfnisse nach Bindung erfüllt werden.

Neben der sicheren Bindung gibt es noch drei unsichere Bindungstypen:

Die unsicher-vermeidende Bindung

Den Kindern scheint es nichts auszumachen, dass die Mutter geht – sie ignorieren die Mutter, wenn sie wieder kommt oder zeigen sogar ablehnendes Verhalten. Diese Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse nach Bindung immer wieder nicht erfüllt wurden, weshalb sie in der Folge selbst versuchen Bindung zu vermeiden.

Die unsicher-ambivalente Bindung

zeigt sich in äußerst ängstlichen Kindern, für die bereits eine kurze Trennungssituation sehr belastend ist. Sie sind sogar dann noch ängstlich, wenn die Bezugsperson noch anwesend ist. Die Ursachen in diesem Verhalten liegen in einer Mutter/Bezugsperson, deren Verhalten für das Kind nicht einzuschätzen oder nachvollziehbar ist.

Die unsicher desorganisierte/desorienterte Bindung

zeigt sich in Kindern die widersprüchliches Verhalten zeigen, wie bspw. Weinen bei Trennung zur Mutter und Aggressivität bei deren Rückkehr. Auch stereotype Verhaltensweisen, wie Hin- und Herschaukeln oder Erstarren tauchen auf. Dieses Bindungsmuster entsteht, wenn die Eltern nicht nur Bezugspersonen sind, sondern vor ihnen auch Schutz gesucht werden muss. Die Erwachsenen verhalten sich also sehr ambivalent, was für das Kind im späteren Verlauf schwere Folgen wie Bindungs- und Beziehungsstörungen zur Folge hat.

Im Leben mischen sich diese Bindungstypen häufig, sodass es nicht immer möglich ist genau zu sagen, welche Bindung man selbst genau erfahren hat. Aus meiner Erfahrung ist es oft so, dass wir je nach Partner in das ein- oder andere Muster fallen. Die „Vermeider“ triggern das das unsicher-ambivalente Muster und andersrum… Es ist sehr häufig im Alltag in den Beziehungen der Menschen zu sehen… Egal ob die eigenen oder die der anderen. Es ist ganz spannend, wenn man das mit gewissem Abstand mal für sich analysieren kann. (Leseempfehlung dazu „Jeder ist beziehungsfähig von Stefanie Stahl).

Interessant ist es übrigens, da es hier auf meiner Seite ja eigentlich primär um die Ernährung in der (veganen) Familie geht, dass es Untersuchungen gibt, die Essstörungen mit einer unsicheren Bindung in Zusammenhang bringen. (Frag google: Ärztezeitung)

Nun genug der Vorrede. Seitdem ich mich damit beschäftigt habe und den Gründen für mein eigenes Bindungsverhalten auf die Spur gegangen bin, habe ich begriffen, dass die die strengere Erziehung meiner Eltern leider etwas zu Lasten der sicheren Bindung ging (etwas was ich bei meinem ersten Kind aber trotzdem genauso umgesetzt habe). Ich möchte hier aber nicht mit erhobenem Zeigefinder sprechen oder gar meinen Eltern Vorwürfe machen. Sie haben immer ihr Bestes getan und das, was ihnen ihr eigenes Muster vorgegeben hat. Wir tragen also diese Muster von Generation zu Generation weiter.

Das Erbe der Nazi-Ärztin

Dazu kommt, dass viele der gängigen Erziehungsmethoden noch auf die Nazi-Ärztin Johanna Haarer zurück gehen, die ihre Grundannahme, das Kind als Tyrannen und Feind zu sehen, in ihrem Buch „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ 1934 erstmals veröffentlichte. Dieses „Buch“ – vielmehr Fluch – wurde in abgeschwächter Form „Die Mutter und ihr erstes Kind“ bis Ende der 80er Jahre aufgelegt… Ihre Annahmen sind immer noch in vielen Köpfen, nicht zuletzt durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Sogar der Beikostfahrplan ist in ihrem Buch erstmals zu bestauenen. Kein Wunder, ist er nicht ein Abstillplan für die Mutter, um das „feindliche Balg“ endlich von der Mutterbrust zu bekommen…

Jede von uns Langzeitstillenden weiß, dass eine Beikosteinführung nicht zwangsläufig Abstillen bedeutet – ganz im Gegenteil. Das Erbe von Johanna Haarer sind viele bindungsgestörte Menschen, die dies selbst an ihre nachfolgenden Generationen weitergaben. In bestem Wissen und Gewissen oder schlicht und ergreifend, weil sie nicht in der Lage dazu waren, Bindung zuzulassen…

Der Wandel in ein neues Bindungszeitalter

Endlich – so viele Jahre später – sind wir in der Lage all dies aufzuarbeiten und zu ändern… Entsprechende Ratgeber, Blogs und Webseiten schießen wie Pilze aus dem Boden. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene (Stefanie Stahl, Das Kind in dir muss Heimat finden, „Jeder ist beziehungsfähig„, Veit Lindau, „Heirate dich selbst„).

Und hier stelle ich nun noch einmal einige tolle Bücher vor, die dir sicherlich helfen können, wenn du selbst den bindungsorientierten Weg mit deinen Kindern (und auch anderen Mitmenschen gegenüber) eingeschlagen hast:

Katia Saalfrank, meine allerliebste Dozentin, bei der ich 2016/2017 mehrere Weiterbildungen zum Thema „Beziehung statt Erziehung“ gemacht habe, hat zwei Bücher veröffentlicht (ehrlich gesagt schon 3, stelle hier jetzt aber nur 2 vor). In „Was unsere Kinder brauchen“ erläutert sie die 7 Werte, wie Beziehung, Achtsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Dialog, Verantwortung und Miteinander, für die gelingende Eltern-Kind-Beziehung. Liesst sich total gut und ist mit vielen Beispielen gespickt. Dieses Buch erklärt neue Herangehensweisen im neuen Umgang mit unseren Kindern.

In „Kindheit ohne Strafen“ geht es natürlich – wie der Buchtitel schon sagt – vielmehr um das Thema Strafen. Katia zeigt neue wertschätzende Wege, für Eltern, die es anders machen wollen. Für mich war uns ist das sehr sehr spannend, denn aus meiner Kindheit kenne ich das gesammelte Register von Strafen, wie Taschengeldverbote, Hausarrest, Kontaktverbote zu meinem Pflegepferd oder Freundinnen, neuer Putzdienst etc. – und es hat mich häufig hilflos gemacht, wenn ich diese „Mittel“ nicht nutzen wollte. Wem es auch so geht, der ist hier goldrichtig. Es geht nicht darum seine Führungsrolle als Erwachsener aufzugeben, sondern vielmehr darum, wie man langfristig auf Augenhöhe mit den Kindern kommuniziert und entsprechenden Umgang wahren kann. Hausaufgaben und aufgeräumte Zimmer ganz ohne Erpressung.

Geilste Leseempfehlung und Hörempfehlung: „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten“… Spiegel-Bestseller. Sehr unterhaltsam. Ich hab mir das Buch damals als Hörbuch gekauft und empfinde es wirklich als sehr sehr unterhaltsam. Es gibt inzwischen sogar ein Folgebuch für die Jahre ab dem 5. Geburtstag… Ist m.E. erst kürzlich erschienen.

Auch ein „Nein“ ist wichtig und bringt den Kindern durchaus Sicherheit. Nur wann und wie? Ich denke viele bindungsorientierte Menschen, die sich auf den neuen Weg gemacht haben, haben häufig ein Problem damit ein klares „Nein“ auszusprechen. Warum dies aber so wichtig ist und wann auch durchaus angebracht, erläutert unsere Koryphäe Jesper Juul in „Nein aus Liebe“. Tolles Buch, perfekt für die Handtasche und schnell gelesen.

Einen darf ich nicht vergessen – auf gar keinen Fall. Mein liebster Herbert Renz-Polster. So ein toller Mensch (ich durfte ihn im November 2017 auf der FEBuB kennenlernen) und der genialste Schreibstil der Welt. „Menschenkinder“ vermittelt auf sehr amüsante, aber zugleich ernsthafte Art und Weise ein tolles Hintergrundwissen über die Zusammenhänge von unseren Kindern und der Menschheitsgeschichte und führt „moderne“ Erziehungsansätze alleine dadurch ad absurdum. Ich hab wirklich sehr gelacht und so manche Blicke auf mich gezogen, als ich dieses Buch in Cafés las. Lohnt sich absolut und ich finde das ist auch ein richtig tolles Geschenk zur Geburt.

Wichtig finde ich dabei zu sagen, dass wir als Erwachsene erst dann richtig in der Lage sind mit unseren Kindern wirklich richtig bindungsorientiert umzugehen, wenn wir unsere eigenen Muster erkannt und aufgelöst haben. Und das ist ein Prozess. Bis dahin wird es sicherlich auch mal passieren, dass man sich in einer Stresssituation im Ton vergreift und einfach anders reagiert, als man sich das vorgenommen hatte. Insofern ist es sicherlich immer eine gute Idee, möglichst früh die eigenen Thematiken aufzuräumen und dafür zu sorgen, dass der Alltag möglichst stressfrei bleibt. Sicher – das ist nicht immer machbar – aber in jedem Fall eine sehr lohnenswertes Ziel, dem auch ich immer näher komme… Aber hey – so what. Alles, was wir besser machen als vorher, ist ein Schritt in die richtige Richtung…

Es ist ein Prozess, der uns alle befreit. Ich wünsche mir für unsere Kinder, dass immer mehr Menschen „aufwachen“, diesen Zusammenhang erkennen und ihr Lebensmodell überdenken; Veränderung herbeiführen… für sich… und für ihre Kinder.

Für mich war und ist es rückblickend die beste Entscheidung und in dem Maße, wie ich mich erfolgreich bindungsorientiert verhalte, haben wir Frieden zuhause. Falle ich zurück in alte Muster, kommen Unruhe und Stress schnell zurück.

In diesem Sinne:

#mamaprobindung

Alles Liebe

Deine Carmen

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