Das Thema »Vegane Ernährung« bei Kindern ist ein großes Reizthema und sorgt für hitzige, häufig unsachliche Diskussionen. Eine kurze Internet-Recherche spuckt Schlagzeilen wie »Vegan ernährt: Baby stirbt fast an Unterernährung«, »Richter verordnet Kind Fleisch« oder »So gefährlich ist die vegane Ernährung für Kinder« aus. Solche Aussagen dürften viele vegane Eltern beunruhigen – gerade beim eigenen Nachwuchs möchte man in Sachen Ernährung natürlich keine Fehler machen. Tatsächlich kann eine falsche Ernährungsweise bei Heranwachsenden erhebliche, oftmals nachhaltige Schädigungen zur Folge haben.

Verantwortungsvoll zu sein, ist richtig und wichtig. Doch sollte das für Veganer bedeuten, die eigenen Kinder besser nicht vegan zu ernähren? Bekommen sie wirklich alle Nährstoffe, die sie benötigen? Glaubt man den Verfassern der oben angeführten Schlagzeilen, könnte man meinen, dass eine vegane Ernährung bei Kindern automatisch zu Mangelernährungen und der eigenen Verhaftung führen dürfte. Keine Angst! Glücklicherweise beweisen immer mehr Studien – und vor allem viele gesunde vegane Kinder – dass man sich von einer solchen Stimmungsmache nicht einschüchtern lassen sollte.

Entscheidend ist das »wie«!

Wer sich selber vegan ernährt, wird mit größter Wahrscheinlichkeit bei der Ernährung seiner Kinder aus den gleichen Motiven auf tierische Produkte verzichten wollen. Ganz egal, ob aus gesundheitlichen, ethischen oder ökologischen Gründen. Eine vegane Ernährungsweise ist aber zunächst mal nicht automatisch gesünder als eine nicht-vegane Ernährung. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen: Wer sich nicht ausreichend mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt, lebt ungesund. Ernährt man sich als Veganer hauptsächlich von Fast Food und Fertigprodukten, muss man sich nicht wundern, wenn der nächste Blut-Check schlecht ausfällt, oder die Waage unter seinem Gewicht ächzt. Wichtig ist eine bewusst geplante, ausgewogene Ernährung mit frischen und vollwertigen Lebensmitteln.

Wer Kinder hat, schwanger ist, oder sich bereits im Vorfeld mit dem Thema »Vegane Ernährung für Kinder« auseinandersetzt, sollte das sehr verantwortungsvoll tun. Kinder sind besonders anfällig für Krankheiten und in hohem Maße darauf angewiesen, dass sie alle Nährstoffe bekommen, die sie für Gesundheit und Wachstum benötigen. Wer beabsichtigt, seine Kinder vegan zu ernähren, hat zusätzlich einige „Besonderheiten“ zu beachten. Es reicht nicht, einfach nur tierische Produkte vom Speiseplan der Kinder zu streichen, es bedarf einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema, eines möglichst hohen Grades an Ernährungswissen. Wer darüber verfügt, muss sich nicht vor Mangelerscheinungen bei seinen vegan aufwachsenden Kindern sorgen, im Gegenteil. Deutlich besorgniserregender ist doch, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Menschen ihren Kindern Bärchenwurst auf Weißmehltoast und stark gezuckerte Frühstücksflakes anbieten, oder vermeintlich gesunde Zwischenmahlzeiten in die Schultasche packen, die mehr Kalorien und Fett enthalten als eine Sachertorte.

Die Wissenschaft bestätigt…

Wie beruhigend, dass u.a. der größte ernährungswissenschaftliche Fachverband der Welt, die Academy of Nutrition and Diatetics in den USA bestätigt: Vegane Ernährung sei gut für Schwangere, Stillende, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche und Senioren. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt weiterhin aus „Sicherheitsgründen“ keine rein vegane Ernährung für Säuglinge und Kinder. Diese Empfehlungen werden nicht nur von vielen vegan lebenden Menschen, sondern auch von Ernährungsexperten als veraltet und irreführend bewertet. Letztlich zielen die Empfehlungen der DGE darauf ab, dass eine unausgewogene und nicht gut geplante vegane Ernährung zu Mangelerscheinungen führen kann. Wie bereits gesagt: Genau das kann mit jeder Ernährungsform passieren – oder eben nicht, wenn man das nötige Ernährungswissen hat. Grundsätzlich gilt: Pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Getreide, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse sind optimale Nahrungsmittel für Kinder, da sie Kohlenhydrate, Proteine, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe enthalten.

Wichtig: Genau informieren!

Es gilt, sich trotzdem genauer zu informieren, welche Nährstoffe Heranwachsenden in höherem Maße benötigen als Erwachsene, wie z.B. Eisen während der Schwangerschaft oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren, weil diese wichtig für für das Körpergewebe, die Gehirnfunktion und die Produktion von Hormonen ist. Ein heranwachsende Baby benötigt Omega-3-Fettsäuren für sein Gehirn, die Netzhaut seiner Augen, seine Zellmembranen und diverse physiologische Funktionen. Diese Beispiele unterstreichen noch einmal, wie wichtig die intensive Beschäftigung mit dem Thema bereits während der Schwangerschaft ist.

Kritisch: Vitamin B12

Es gibt bei einer veganen Ernährungsweise mit dem Vitamin B12 einen Nährstoff, der tatsächlich ein wenig kritisch ist. Da dieses vom Körper nicht selbst gebildet werden kann und stattdessen über Nahrung aufgenommen werden muss, wird Veganern eine Supplementierung mit Nahrungsergänzungsmitteln empfohlen. Warum? Weil B12 in nennenswerter Menge und der für unseren Körper passenden Form fast ausschließlich über tierische Lebensmittel zugeführt werden kann. Doch keine Angst: Es gibt lecker schmeckende B12-Kautabletten, angereicherte Zahnpasten oder Pflanzendrinks und viele weitere solcher Produkte, die uns das benötigte B12 liefern. Ein regelmäßiger Blut-Check alle 1-2 Jahre empfiehlt sich dringend, weil der B12-Speicher tatsächlich jahrelang vorhalten kann. Man sollte jedoch nicht riskieren, diesen zu leeren, da dann dramatische gesundheitliche Folgen drohen. Informiere dich genau, welche Werte zu testen sind, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu bekommen. Suche am besten einen Arzt auf, der dem Thema aufgeschlossen gegenüber steht. Der Vegetarierbund bietet eine entsprechende Liste.

Wie bekomme ich mein Kind dazu, sich mit Freude gesund zu ernähren?

Untersuchungen zeigen, dass Erwachsende, die bereits als Kind mit einer stark auf Gemüse und Obst basiserten Ernährung aufgewachsen sind, auch später solche Lebensmittel bevorzugen. Aber wie überzeuge ich mein Kind, sich nicht in erster Linie von Nudeln mit Tomatensauce oder Pommes mit Würstchen ernähren zu wollen? Indem ich sie von Anfang an an gesunde Lebensmittel gewöhne und sie beim Thema Ernährung mit einbeziehe! Kinder sind neugierig. Wer sein Kind zum Einkauf mitnimmt, kann ihm erklären, woher die Lebensmittel kommen und wie man sie zubereitet. Wer gemeinsam kocht, wird nicht nur für ein deutlich größeres Ernährungsbewusstsein bei seinem Nachwuchs sorgen, sondern auch dafür, dass es ihm gut schmeckt. Ernährung ist nämlich zu einem sehr großen Teil das Ergebnis von Erziehungs- bzw. Gewohnheitssache – und solche Gewohnheiten halten sich oft ein Leben lang, positive wie negative.

Mein Kind war vorher nicht vegan – jetzt mag es das alles nicht!

Tests zeigen, dass man Kindern in der Regel neue Lebensmittel bis zu 15x anbieten muss, bevor diese als bekannt und lecker akzeptiert werden. Wenn man sein Kind nicht von Anfang an vegan ernährt hat, wird es vermutlich erstmal bockig sein und nach seinen Lieblingsspeisen verlangen. Versuche, seine Lieblingsgerichte vegan abzuwandeln, oder nach und nach neue Zutaten einfließen zu lassen: zum Beispiel Tofuwürstchen oder vegane Salami auf der Pizza statt tierischer Produkte. Bei Spaghetti Bolognese mit Sojahack wird es vermutlich nicht mal den Unterschied bemerken. Gib deinem Kind die nötige Zeit, sich umzugewöhnen, sonst führt das auf beiden Seiten zu Frustrationen.

Schwieriger könnte es in der Schule werden, besonders in Ganztagsschulen, in denen kein veganes Essen angeboten wird. Hier hilft hoffentlich die Rücksprache mit Lehrern, vor allem dann, wenn man weitere gleichgesinnte Eltern zur Unterstützung findet. Und damit dein Kind nicht wegen seines »komisch aussehendes« Pausenbrot ausgelacht wird, lass das Essen einfach ähnlich aussehen. Das selbe gilt für Geburtstagspartys der eigenen Kinder: Pizza mit veganem Käse und Salami, Hot Dogs oder Muffins – kann man alles wunderbar in einer veganen Variante zaubern. Und natürlich auch gerne zu Geburtstagsfeten außerhalb der eigenen vier Wände dazusteuern, damit dein Nachwuchs dort vegane Optionen hat.

Was, wenn mein Kind bei der Oma is(s)t?

Wenn die eigenen Kinder zu Besuch bei der Oma sind (die mit »vegan« nichts anfangen kann) oder Schulkameraden ihre Geburtstagsfeier bei McDonalds feiern, wird es knifflig. Lässt man es zu, dass der Nachwuchs hier nicht vegan isst? Was, wenn die eigene Tochter gerne Chicken Nuggets probieren möchte? Dieses Dilemma muss jeder für sich nach persönlichem Ermessen auflösen. Du kannst und solltest dein Kind gerne über deine Beweggründe aufklären, dieses aber bitte altersangemessen – Schockvideos sind ganz sicher das falsche Mittel! Zum Glück gibt es inzwischen sogar Kinderbücher, die sich mit dem Thema altersgerecht beschäftigen. Wenn dein Kind versteht, dass die Liebe zu Tieren und das Essen von Tieren nicht so recht zusammenpassen, wird es ihm bestimmt leichter fallen, auf Fleisch zu verzichten.

Ein generelles Verbot dürfte in der Regel nicht funktionieren, da Kinder verbotene Dinge meist erst recht gerne tun. Vielleicht ist es besser, dem Nachwuchs diese Entscheidung frei zu stellen, gleichzeitig aber immer mal wieder das Gespräch über die Hintergründe zu suchen. Biete ihm vor allem lecker schmeckende Alternativen an – dann kommt kein Neid auf das Salamibrötchen des Schulfreundes auf. Mit der Oma oder den Gasteltern bei Geburtstagsfeten kann man freundlich und offen über das Thema sprechen – und gleich ein paar vegane Rezepte zur Verfügung stellen.

Fazit: Eine vegane Ernährungsweise bei Kindern ist möglich!

Immer mehr vegan lebende Kinder und auch die Wissenschaft belegen: Es ist absolut möglich, von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenenalter seine Kinder vegan zu ernähren. Gleichzeitig gilt: Die Ernährung von Kindern ist ein sehr komplexes Thema und sollte verantwortungsvoll angegangen werden. Einfach mal nur tierische Produkte wegzulassen, ist nicht der richtige Weg. Mit dem notwendigen Wissen und bewusst geplant kann eine vegane Ernährungsweise bei Kindern viele gesundheitliche Vorteile bieten. Vielleicht sagt dein Kind sogar später mal: »Danke, dass du von Anfang an so einen großen Wert auf eine gesunde vegane Ernährungsweise bei mir gelegt hast!«

Hier kann ich mich weiter informieren:

Wissenschaftliche Positionen:

Bücher zum Thema:

  • Vegan for Kids: Gesunde Kinderernährung von Anfang an (Bianka Nagorny)
  • Vegane Eltern – junges Gemüse: Handbuch für den veganen Familienalltag (Corinne Matzka & Jonas Engelmann)
  • Gutes Essen für gesunde Kinder ohne Allergien: vegan und glutenfrei (Simone Vetters & Rüdiger Dahlke)
  • Vegane Küche für Kinder: Einfach lecker für kleine Entdecker (Christina Kaldewey)
  • Vegane Ernährung im Säuglings- und Kindesalter: Die rein pflanzliche Ernährung in der Übersicht (Lisa Rubner)
  • Vegan Family: Veganes Leben für die ganze Familie (Saskia Rehäußer)
  • Mami, ist das vegan? (Jumana Mattukat)
  • Wieso? Weshalb? Vegan!: Warum Tiere Rechte haben und Schnitzel schlecht für das Klima sind (Hilal Sezgin)
  • Vegane Familienküche: Gesunde Lieblingsgerichte für Groß und Klein (Annette & Marco Bruhin)

 

Über die Autorin:

Nadine betreibt mit vier weiteren Freunden den Online-Shop fooodz.de. Mit Leidenschaft versucht sie die Menschen für eine vegane Lebensweise zu begeistern und zu vermitteln, dass ein veganes Leben Spaß und Erfüllung mit sich bringt. Im fooodz-Blog veröffentlicht Nadine abwechslungsreiche und leckere Vegan-Rezepte, die schnell und einfach für jedermann nachzukochen sind.

 

Bildnachweis: vegetables in the kitchen – vegetarian healthy people – Urheber: UMB-O – fotolia.de

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